FiF Lecture 2018 mit Bernhard Waldenfels

Responsive Kreativität

Zur FiF Lecture 2018 hatte das FiF mit Bernhard Waldenfels einen der bedeutendsten gegenwärtigen Philosophen eingeladen.

Der öffentliche Vortrag zum Thema „Responsive Kreativität“ fand am 23. Mai 2018 im Wilhelm-Köhler-Saal statt. Bernhard Waldenfels war bis zu seiner Emeritierung 1999 Ordinarius für Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum.

Plakat zur FiF Lecture 2018

Ausgehend von einer bestimmten Art der Phänomenologie, dieBernhard Waldenfelsresponsive Phänomenologienennt, zeigte der Philosoph in einer Ortssuche über fünf Schritte, wo die Kreativität in der Erfahrungauftritt und wie sie auftritt, denndas Neue entstehtin der Erfahrungunddurch die Erfahrung aus dem Alten heraus.Die Verortung der Kreativitätnahm ihren Weg ausgehend vonPathos und Responseals Widerfahrnis und Antwort über die Transformation von Erfahrung, die Innovation und Repetition, nahm zeitliche Aspekteder Kreation mit auf und schlossbei der Ko-Kreation. Der Vortrag evozierte wie immer auch Fragen–etwa die der stärkeren Verankerung von Kreativität im Universitätsalltag oder auch nach scheiternderKreativität–,die gemeinsam mit dem Auditorium diskutiert wurden.

Kreativität als Antwort auf Widerfahrnisse
Responsive Kreativität bezeichnet ein Antwortenaußerhalb einer bekannten Ordnung, ein Tun, ein Sagen, ein Fühlen, das woanders beginnt, das nicht auf die eigene Initiative zurückgeht, sondern das aufnimmt, was einem entgegenkommt. Es ist ein Antworten zwischenIchund Es, welches stets mit Fremdheitserfahrungen zu tun hat, die durch normale Bedingungen nicht erklärt werden können; ein Antworten, dass mit der Abweichung beginnt. Die Grenze der Kreativität liegt dort, worauf geantwortet wird, denn daszu Beantwortendewird nicht kreiert, sondern tritt auf.Die Antwort auf eine Herausforderung liegt nicht indem, was geschieht, weswegendie kreative Antwort eine neueist, die eine gewisse Form der Variation voraussetzt. Soist der Ort der Erfindungwederauf der Seite der Dinge noch ganzauf der Seite der Subjekte, sondern genau im Zwischen.

Am Anfang steht das Doppelereignis, wo zwischendem, was jemandem geschieht unddem,was jemand tut, etwas vor sich geht, ohne dassdas eine aus dem anderen herzuleiten ist.Jemandem fällt etwasauf, jemandem widerfährt etwas:Ein Ereignis, das man nichtselbstunmittelbar herbeiführen kann, von dem man betroffen ist, so dass man es nicht bloß registrieren kann, sondern zum Antworten auf esgeradezugezwungen wird. Es kommt, es blitzt auf,und man verhält sich dazu–sei i es mit einem Erstaunen, einem Erschreckenodereinem Zusammenzucken, eben mit einer Antwort, die eine spontane Antwort ist und noch auf der Schwelle zur Sprache sein kann, wenn man an den Aha-Effektoder den Schreidenkt,wo etwas zur Sprache kommt, wasnoch keineSprache hat.

Transformation von Erfahrung
Wenn etwa der Maler Edvard Munch abends die Sonneals einenRisswahrnimmt, der durch die Naturgeht,und sein Angsterlebnis ineineBildserieverwandelt, inetwas verwandeltalso, das man beschreiben kann, hat sich das Widerfahrnis bereits in eine Antwort verwandelt.Die Kreativität liegt dabei gerade im Vollzug,etwas alsetwaszusehen, dennDinge habennicht einfach ihren Sinn, sondern bekommen diesenerstin der Handlung, in der Erfahrung. Wer keine Holzleiter kennt, sieht etwa Leistenaus Holzund muss erst lernen,diese alsetwas zu sehen. Indiesem Zwischenzwischendem,was gegeben ist,und dem, was jemand hinzugibt, liegt die Kreativität.So gibt es ohne Altes auch kein Neues. Das Neue,das als Abweichung vom Gewohnten verstanden werden kann, liegt also zwischen der bekannten Ordnung und dem noch Unbekannten, wo die alte Ordnung geradezu ins Wanken gerät. Im Großen stehen etwa Revolutionen als Beispiel dafür oder die Reformation, die auf abergläubische Praktiken oder Ablassbriefe respondiert.Im Kleinen kennt man das„Ich-kenne-mich-nicht-aus.“ Es verschlägt einem die Sprache,und die Antwort, die dann gegeben wird, ist eine außergewöhnliche, eine außerhalbder Ordnung, die nicht bereits zur Verfügung steht.

Innovation und Repetition
Zwischen den Extremen des „Es gibt nichts Neues mehr“ und dem „Jeder Moment ist neu“wirdim Kontrast von Innovation und Repetition einsehbar, dass zwischen Gewöhnlichem und Außergewöhnlichem etwas geschieht. Das Ordentliche ist nämlich nie ganz ordentlich und kann gerade daher ins Außerordentliche übergehen. Kreativität ist so ein „Mehr-als-wir-bereits-kennen“, ein Überschuss, der im Gewöhnlichen steckt, den es herauszuholen gilt, der in bestimmten Situationen hervortritt, den manschließlichauch verpassen kann. Das ist dann kein Beispiel scheiternder Kreativität, deren Betrachtung auch zur Differenzierung des Kreativitätsbegriffs beitragen kann, sondern das Verpassen einer kreativen Antwortmöglichkeit.Schließlich kann sich das Pathos so weit entwickeln, dass keine Antwort mehr möglich ist,und umgekehrt können sich Antworten auch von Widerfahrnissen ablösen.

Vorgeschichte und Nachgeschichte
Der zeitliche Aspekt der Kreation, betrachtet als Vorgeschichte und Nachgeschichte des Neuartigen, macht deutlich, dass der Mensch nie ganz und gar in der Gegenwart ist, dass sein Antworten immer schon nachträglich erfolgt auf etwas, das immer schon zu früh geschieht. Zwischen dem zu frühen Widerfahrnis undder zu spätenResponsegibt es keinen kontinuierlichen Übergang, sondern einenHiatus, eine Kluft, wo etwas in das Neue übergeht.Mindestens so bedeutend wie die Zeitdes nachträglichen Bearbeitens ist auch die Zeit davor, die Pause, das Warten auf etwas, ohne dass man weiß, worauf man wartet.Und hier lässt sich auch das Genie gewissermaßen von sich selbst überraschen und bearbeitetdann das erst in der Nachwirkung, in der AnalyseFassbare.

Ko-Kreation
Doch das Genie ist nie alleine.Erfindungen sind nicht privat und gehören nicht nur einem Individuum. Andererseits entspringen Erfindungen auch nicht einem furiosen Ganzen, etwa einem Kollektivsubjekt. Was es aber gibt,sind Ko-Affektionen. Das sind gemeinsame Situationen, in die man hineingebracht wird, die jeder auf seineWeise erlebt. Eine Naturkatastrophe beispielsweisewiderfährt allenan dem Ort einer Katastrophe Lebendengemeinsam, betrifftaberauf elementare Weise jeden verschieden. Die Antwortauf ein„Etwas-widerfährt-uns“gibt jeder für sich, aber je mit anderen zusammen als eineKo-Respondenz. Insofern ist man immer im Sinne eines Mehr oder Weniger an etwas beteiligt, also mehr oder weniger beteiligt an einer Ko-Kreation. Das heißt auch, dass daskreative Suchen und Findenzwischen einem reinen Erfinden und einem bloßen Vorfinden dessen, was schon da ist, liegt.

Planbarkeit von Kreativität?
Lässt sich Kreativität planen und herstellen–mithin im Universitätsalltag verankern?Planen lässt sich Kreativitätschon deshalb nicht, da es kein bestimmtes Ziel gibt, das man ins Auge fassen kann, denn Kreation heißt, dass etwas im Kommen ist und nicht, dass etwas bereits da ist. Aber Kreativität hat Bedingungen, die sich fördern lassen. Dies kannetwa mittels Verfremdungsverfahren geschehen, indem gewohnte Erfahrungen betrachtet werden,als seien sie anders, indem man die normalen Verhältnisse durchbricht,indem man,mit Freud gesprochen,eine „gleichschwebende Aufmerksamkeit“ anstrebt, die nicht von vornherein Sortierungen über Bedeutendes und Unbedeutendes vornimmt, ist doch manchmalgeradedas Aussortierte das Eigentliche.Damit etwas kommen kann, hilft es, Verfahren möglichst offen zu gestalten und zu schauen, was einfällt. Entgegen dem Ansinnen einer völligen Umwälzung des Universitätsalltags, kann im Kleinen begonnen werden, denn Kreativität muss nicht Lernziel werden. Vielmehr ist die Fragezu beantworten,wie man die Erfahrung als Ort der Kreativität langfristiger gestalten kann und zur Entfaltung bringt, wie man die Erfahrung also auch im Lernenstark machen kann.Nach wie vor sollten Hörer an Universitäten produktiv mithören. Das Mitschreiben als ein produktives Sortieren, als ein aufnehmendes Antworten, als Verwandlung des Gehörten isteine Technik, die die Erfahrung stärker macht und sie nicht ersetzt. So müssen wir uns beim Einsatz jeder Technik fragen, ob sie wirklich verbessert, vereinfacht –und vor allem:was wir dabei verlernenkönnen. Die Gefahr einer Übertechnologisierung, bei derdie Sachen selbst nicht mehr als technische Artefakte definiert werden, Technik mithin die Erfahrungvollkommenablöst, sollte gerade auch eine Technische Universitätim Blickhaben.

Impressionen