Datum: 10.11.2025 , 18 Uhr
Raum: Gebäude S3|12 im 6. Stock | Abteilung Identitätsmanagement | Residenzschloss 1
Moderation: Prof. Dr. Andreas Kaminski (FB2)
Anmeldung
Diese Veranstaltung ist ausgebucht. Anfragen für eine Position auf der Warteliste stellen Sie bitte direkt an fif@fif.tu-darmstadt.de .
Eine Idee
Abseits des gewöhnlichen Umfeldes und außerhalb des konventionellen akademischen Betriebs soll der Raum durch das experimentelle, offene Format die Thematik in ganzer Breite sichtbar werden lassen. Dabei hoffen wir auf unterschiedliche Forschungsperspektiven und eine lebhafte Diskussion
Die Einladung
Kann Technik Desinformation bekämpfen?
In welchem hohem Maße, unser eigenen Überzeugungen von dem, was uns andere mitteilen, abhängen, machen wir uns selten deutlich. Doch selbst in dem Bereich, den wir als unser Wissen betrachten (und nicht als bloß eigenen Meinungen ansehen), stellt Vertrauen in andere zumindest eine wichtige Stütze dieses Wissens dar. Die wenigsten von uns können aufgrund eigener Erfahrung oder eigenen logischen Schließens sagen, ob es stimmt, dass es Viren gibt, dass Japan eine Gruppe von Inseln ist, Rechner binäre Zustände prozessieren oder wer die letzten Wahlen gewonnen hat.
Wenn so viel von dem, was wir als unser eigenes Wissen betrachten, auf einem Vertrauen in andere beruht — Vertrauen in Wissenschaft, Vertrauen Journalismus, in Medien oder, persönlicher, Vertrauen in Freunde, die uns etwas berichten, eine Ärztin, die uns eine Behandlung erläutert, ein Podcaster, der uns etwas über Gerichtsentscheidung berichtet — dann ist diese Abhängigkeit und dieses potenzielle Vertrauen ein vulnerabler Punkt, den Desinformation auszunutzen sucht. Desinformation macht offene Gesellschaft verwundbarer als autoritäre — da letztere stärker Misstrauen für sich zu nutzen wissen und Informationsflüsse besser kontrollieren können. Dies ist der Hintergrund, der uns und sicherlich auch aktuell in vielerlei Form in Nachrichten begegnet und bewegt.
Aus diesem Grund würden wir uns gerne mit Euch in einem DenkRaum treffen. Dabei wollen wir nicht darüber nachdenken, wie man Vertrauen "herstellen“ kann; denn Misstrauen kann ja gerade vernünftig sein, nämlich dann, wenn man es mit nicht vertrauenswürdigen Quellen zu tun hat. Stattdessen wollen wir eine hoffentlich auch etwas provokante Frage stellen: Kann Informationstechnik Desinformation bekämpfen? Wir stellen die Frage mit Absicht so eng, damit der potenzielle Lösungsraum im Umgang mit Desinformation sichtbarer wird. Hierzu wollen wir Euch herzlich einladen, mit uns gemeinsam im DenkRaum dieser Frage nachzugehen.
Der Raum
Der sechste der FiF-DenkRäume wird „Unter den Dächern von Darmstadt“ stattfinden in der Lounge des Science Communication Centre im Residenzschloss.
Der Rückblick
Der DenkRaum stellte sich der Frage, ob Informationstechnik Desinformation bekämpfen kann. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass ein großer Teil dessen, was wir als eigenes Wissen verstehen, in Wirklichkeit auf Vertrauen in andere beruht. Nur wenige können aus eigener Anschauung sagen, ob es Viren gibt, wie ein Rechner arbeitet oder wer eine Wahl gewonnen hat. Wir verlassen uns auf Wissenschaft, auf Journalismus, auf Medien und auf Menschen, die uns etwas berichten. Dieses Vertrauen macht offene Gesellschaften verletzlich, weil Desinformation genau diesen Punkt angreift. Clickbait und Feedbackschleifen tragen Misstrauen tief in die Gesellschaft. Offene Gesellschaften sind darauf angewiesen, dass Vertrauen immer wieder neu begründet werden kann. Vor diesem Hintergrund wurde gefragt, ob technische Mittel helfen können, Desinformation zu begrenzen oder ob sie selbst Teil des Problems sind.
Diskutiert wurde zunächst der Gegensatz zwischen faktenorientiertem und gefühlsorientiertem Denken. Ein Beispiel war das Bild von einer großen Mehrheit der Wissenschaft gegen eine einzelne „Galileo“-Figur, die sich als neue Wahrheit präsentiert. In solchen Konstellationen verschieben sich Diskussionen schnell von der Ebene der Gründe auf die Ebene der Emotionen. Gleichzeitig wurde die Nähe von Algorithmen zum wissenschaftlichen Denken angesprochen. Beide erscheinen als etwas Objektives, zugleich bleibt oft intransparent, wie Ergebnisse zustande kommen.
Vor diesem Hintergrund stellte sich die Frage nach dem Wert von Argumenten. Argumente sollen Gründe liefern und damit Positionen überprüfbar machen. Sie setzen jedoch voraus, dass Beteiligte bereit sind, eine minimale gemeinsame rationale Basis zu akzeptieren. Wenn diese Bereitschaft fehlt, wenn also grundlegend bestritten wird, dass Fakten überhaupt eine Rolle spielen sollen, wird es schwierig, Desinformation noch mit besseren Argumenten zu begegnen. Beispiele einer „Quasi“-Wissenschaft, die sich in Sprache und Form an wissenschaftliche Hypothesen anlehnt, verdeutlichen diese Schwierigkeit.
Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion war die Frage nach der Rolle von Institutionen. Vertrauen in Wissenschaft, Medien und andere gesellschaftliche Institutionen ist eine Voraussetzung dafür, dass Argumente überhaupt als relevant gelten. Gleichzeitig ist klar, dass Misstrauen nicht einfach durch Appelle zu mehr Vertrauen aufgelöst werden kann. Misstrauen kann durchaus begründet sein, etwa wenn Quellen tatsächlich unzuverlässig sind. Wer einer Verschwörungsideologie anhängt, wird sich indes kaum durch Verweis auf andere, „vernünftige“ Perspektiven überzeugen lassen. Wie kann man solche Leute überhaupt wieder als Partizipanten eines rationalen Diskurses gewinnen? Daher wurde nicht (nur) danach gefragt, wie man Vertrauen herstellen kann, sondern danach, wie sich das Verhältnis von Vertrauen, Desinformation und technischen Lösungen überhaupt beschreiben lässt.
Der DenkRaum konnte in dieser Hinsicht selbstverständlich keine fertigen Antworten liefern. Vielmehr wurde der mögliche Lösungsraum abgesteckt. So wurde die Frage gestellt, ob es nicht rechtlicher Ansätze bedürfe, um etwa Plattformen oder Akteure (wie die Tech-Giganten) stärker zu regulieren. Rechtliche Prozeduren andererseits sind relativ langwierig. Wie verträgt sich die Langsamkeit des Rechts mit der Geschwindigkeit technischer Entwicklungen? Ebenso wurde gefragt, ob soziale Verbindungen und gelebte, persönliche Vertrauensverhältnisse am Ende nicht doch wichtiger sind als technische Kontrollmechanismen und wiederum auch nur begrenzt wirksam für Fragen des Vertrauens in Technik sind. Offen blieb, ob Technik Desinformation tatsächlich bekämpfen kann oder ob sie eher eine Bedingung unter vielen ist. Spielen nicht auch soziale Anerkennung und Ungleichheit eine gewichtige Rolle für die Fragen, für die man kämpft, und dafür, worein man sein Vertrauen setzt? Wie ist andererseits, auch in Deutschland, der zu beobachtende Verlust in staatliche Institutionen und Politik zu erklären? Und wie ließe sich hier Vertrauen (wieder) aufbauen?
Deutlich wurde in jedem Falle, dass Desinformation, Vertrauen in Institutionen, der Wert von Argumenten und technologische Entwicklungen eng miteinander verknüpft sind, und dass jede Antwort auf die Ausgangsfrage genau diese Verflechtungen berücksichtigen muss.