Hannig, Nicolai

Vom Schrecken der Natur. Katastrophenschutz und Vorsorge in Geschichte und Gegenwart, Vortrag am 8. Dezember 2021

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Die Herausforderung:

Welche Rolle spielt Vorsorge bei der Wahrnehmung von und im Umgang mit Naturkatastrophen?

Aus der Diskussion:

Das Verhältnis des Menschen zu Naturkatastrophen ist seit jeher ambivalent: Naturkatastrophen stoßen ab und ziehen doch zugleich an. Sie stoßen ab, weil sie Leid und Tod bringende Ereignisse sind. Sie üben andererseits eine eigentümliche Faszination aus, was sich etwa in der Katastrophenmalerei (z.B. bei William Turner) oder im historischen Medium der Katastrophenpostkarte dokumentiert. Haben sich Menschen teilweise schon im Mittelalter nicht einfach in ihr Schicksal gefügt, ist seit Mitte des 18. Jahrhunderts in der Wahrnehmung von Naturkatastrophen ein radikaler Wandel zu verzeichnen. Sie werden gesehen als Bremsklotz der wirtschaftlichen Entwicklung und des Fortschritts im Allgemeinen. So entstehen gigantische Vorsorgeprojekte (z.B. gegen Überschwemmungsgefahren), die auch wissenschaftlicher Professionalisierung, etwa der Entwicklung der Hydrotechnik im 19. Jahrhundert, einen großen Schub verleihen. Mancherorts ist eine regelrechte Vorsorgeversessenheit festzustellen, die hingegen – wie die Geschichte vom Kilchenstock im schweizerischen Linthal in den 1930er Jahren demonstriert – für einen Vorsorgefrust sorgt, sofern die erwartete Katastrophe – der Bergsturz – nicht eintritt. So kann Vorsorge zur eigentlichen Katastrophe werden – mit der Folge einer nachhaltigen Störung des Verhältnisses zu wissenschaftlicher Expertise. Naturkatastrophen können wiederum auch zur Attraktion werden. So sind in Geschichte und Gegenwart immer wieder auch Phänomene eines Katastrophentourismus oder gar Katastrophenvorsorgetourismus zu beobachten.

Naturkatastrophen als kalkulierte Gefahren sind schließlich aber vor allem Gegenstand der Versicherungsbranche, seitdem sich um 1900 mit Munich Re und Swiss Re große, weltweit agierende Rückversicherungsunternehmen als Dienstleister ganz neuen Formats mit eigenen Forschungsabteilungen etablieren. Die Verantwortung des einzelnen Menschen in Sachen Katastrophenvorsorge, von Risikosoziologen im 20. Jahrhundert angemahnt, verschwindet derart jedoch aus dem Blick.

Perspektiven:

In geschichtlicher Perspektive zeigt sich der Schutz nicht der Natur, sondern vor der Natur als dominante Haltung des Menschen. Die Entwicklung von Prävention und Vorsorge seit dem 18. Jahrhundert zeigt indes immer wieder auch Beispiele für ein Vorsorgeparadox: daß die Gefahren, für die man Vorsorge trifft, durch die Vorsorge aus dem Blick geraten. Vorsorge kann auch selbst zu neuen, bislang nicht wahrgenommenen bzw. präsenten Schäden führen. So bedeutet Vorsorge immer auch die Abwägung verschiedener Risiken.