Müller, Marcus

Germanistik, Digitale Linguistik

Mehr zur Person

Die Herausforderung:

Die Sprachwissenschaft ist mit permanentem Sprachwandel konfrontiert – kann sie da noch und soll sie überhaupt unterscheiden zwischen richtigem und falschem Deutsch?

Aus der Diskussion:

„Gehst du Bahnhof oder bist du mit Auto?“ Diese Frage – gesprochen an einer Berliner Schule, analysiert in einer Dissertation zum Einfluss migrationsbedingter Kontraktionsvermeidungen unter Städtern ohne Migrationshintergrund – eröffnete die Diskussion. Grammatikalisch inkorrekt, aber verständlich, erfüllt er seine Funktion. Im scheinbaren Chaos lässt sich ein Muster erkennen, vielleicht eine Grammatik außerhalb der Grammatik. Die germanistische Sprachwissenschaft geht mit dem Sprachwandel um, nimmt den Bestand auf, kategorisiert, deutet, beschreibt. Insofern die Sprache auf einem Regelsystem basiert, soll die Wissenschaft auch Orientierung geben, Standards und Normen setzen, oder den Sprachwandel gelassen nehmen und sprechen lassen, wie gesprochen wird? Die Fehler von heute sind die Regeln von morgen, meint Sprachwissenschaftler Helmut Glück. Schließlich kann die Normierung der Sprache auch ganz andere Wege nehmen, etwa durch das schriftstellerische Wirken von Luther, der Brüder Grimm oder vielleicht Wolfgang Herrndorf, an deren Schriften sich das Lesen und Sprechen schult, wobei diese Autoren zunächst „dem Volk auf das Maul geschaut haben“.

Perspektiven:

Was an der Sprachwissenschaft besonders deutlich wird, gilt auch für viele andere Disziplinen: Kann es bloßes Beschreiben ohne Normierung überhaupt geben? Vielleicht geht es in einer kritischen Wissenschaft eher darum, die Konsequenzen aufzuzeigen, die sich aus bestimmen Redeweisen und scheinbar bloßen Beschreibungen ergeben.