2. Tag der Interdisziplinarität

2. Tag der Interdisziplinarität – Einblicke in die Forschung

Der 5. November 2018 stand im Zeichen der interdisziplinären Forschung an der TU Darmstadt.

Bereits zum zweiten Male veranstaltete das FiF einen Tag der Interdisziplinarität mit einer Vielzahl von Angeboten.

Der Messekatalog zum 2. Tag der Interdisziplinarität kann ab sofort im FiF erworben werden.

Der Tag der Interdisziplinarität und Chillidas „Windkämme“

Seit dem erstmals 2016 vom FiF an der TU Darmstadt ausgerichteten „Tag der Interdisziplinarität“ machen die Windkämme des baskischen Bildhauers Eduardo Chillida (1924-2002), die dieser in den 1970er Jahren vor seiner Heimatstadt San Sebastián an der rauhen Atlantikküste platziert hat, auf diese Veranstaltung aufmerksam. Manchem steht vielleicht die Großplastik Chillidas vor dem Bundeskanzleramt in Berlin vor Augen. Was aber hat sein Hauptwerk, was haben seine Windkämme mit interdisziplinärer Forschung zu tun?
Wo interdisziplinäre Forschung am kreativsten ist und mitunter Bahnbrechendes hervorbringt, liegt dies vor allem an einer bestimmten denkerischen Anstrengung: das Unmögliche zu denken, um das avisierte Neue möglich werden zu lassen. Die Windkämme Chillidas können als künstlerische Entsprechung dieses Gedankens gedeutet werden. Denn den Wind „kämmen“ – das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Und doch öffnet die Plastik den Blick dafür, wie Gegenstrebiges, das auf den ersten Blick nicht zusammengehört – der Wind, das Meer, die monumentale Materialität der Stahlplastik –, zusammenfinden kann. Der Raum einer Gegend wird durch die Plastik neu eröffnet und in seiner Dynamik neu erfahrbar – so wie der Raum des Denkens immer wieder und stets neu zu erschließen ist, gerade weil Forschung immer mit Nicht-Wissen konfrontiert und derart ins Stauen und zu Neuem führt.
Mit dem Tag der Interdisziplinarität ist die Einladung verbunden, dieses Neue im Felde der Forschung zu erkunden und darüber mit Kolleginnen und Kollegen ins Gespräch zu kommen – um derart selbst Anregungen für die eigene Forschung und mit ihr verbundene Fragen zu erhalten. Adressaten der Veranstaltung sind alle, die an interdisziplinärer Forschung beteiligt und interessiert sind, im Besonderen auch fortgeschrittene Studenten und Nachwuchswissenschaftler.

2. Tag der Interdisziplinarität am 5. November 2018 – Tagungsbericht

Der vom Forum interdisziplinäre Forschung der TU Darmstadt (FiF) am 5. November 2018 nach 2016 zum zweiten Male veranstaltete „Tag der Interdisziplinarität“ bot über dreißig interdisziplinären Forschungsprojekten und –verbünden an der TU Darmstadt die Gelegenheit, in einer Ausstellung im Karo5 ihre Arbeiten zu präsentieren und Interessierten Einblicke in ihre Forschungsarbeit zu geben. Ein Angebot zum wissenschaftlichen Austausch über disziplinäre Grenzen hinweg, das als durchaus ergiebig und wertvoll von denjenigen wahrgenommen wurde, die die Offerte annahmen und für die die Veranstaltung gedacht war – seien es Kolleginnen und Kollegen, Nachwuchswissenschaftler oder fortgeschrittene Studierende. Wer, aus welchen Gründen auch immer, die Schau versäumt hat, hat im übrigen die Möglichkeit, sich anhand des vom FiF herausgegebenen Ausstellungskatalogs über die aktuelle, in ihrer Bandbreite beeindruckende interdisziplinäre Forschungslandschaft an dieser Universität zu orientieren. Der Katalog kann über das FiF bezogen werden.

Flankiert wurde die Ausstellung im Karo5 von zwei Begehungen und Workshops. Die Begehung der HUMVIB-Bridge auf dem Campus Lichtwiese (ein FiF-gefördertes Projekt unter der Leitung der Professoren Seyfarth und Schneider) diente zur Veranschaulichung und Messung der Schwingungen, die beim Überqueren einer Brücke entstehen. Alle Teilnehmer der Begehung hatten die Möglichkeit, die Brücke zu begehen. Sie besteht aus einer ca. 15 Tonnen schweren Konstruktion, im wesentlichen aus zwei langen Stahlträgern, auf denen Betonblatten angebracht sind. In der Mitte der Brücke befinden sich Meßgeräte, die die unterschiedlichen Schwingungen messen. Läuft man in der Mitte der Brücke von einem Ende zum anderen, treten für den Begeher spürbare vertikale Schwingungen auf, die jedoch kleiner als die Erdbeschleunigung (1G) sind. Begeht man die Brücke außen an den Rändern, treten vertikale und horizontale Schwingungen auf, die (theoretisch) größer sein können als die Erdbeschleunigung. Wenn Schwingungen auftreten, die größer als die Erdbeschleunigung sind, heben sich die Betonplatten auf den Stahlträgern der Brücken ab. Die Folge: die Brücke nimmt Schaden bzw. stürzt teilweise ein. Deshalb mußten die Begeher der Brücke bei zu starken Schwingungen der Brücke kurz auf ihr stehen bleiben und warten, bis die Schwingungen geringer waren, um die Brücke nicht zu beschädigen. So wurde konkret erfahrbar, dass nicht nur die Statik, sondern auch die Dynamik bei der Brückenkonstruktion beachtet werden muss. Ein prominentes Beispiel, wo diese Erkenntnis nicht genutzt wurde (oder dieser Zusammenhang noch nicht bekannt war), ist die Tacoma Narrows Bridge im US-Bundesstaat Washington: aufgrund von Schwingungen, die durch starken Wind nach einem Unwetter ausgelöst worden waren, stürzte sie 1940 nach nur kurzer Betriebszeit ein.

Die Begehung im Institut für Psychologie bot Einblicke in das von den Professoren Kalveram und Kupnik geleitete FiF-Projekt CompLEx zum Thema Selbst-Fremdunterscheidung und Mensch-Roboter-Kooperation. Kooperation ist jedem geläufig, menschliche Lebensvollzüge sind gar nicht denkbar ohne sie – das isolierte cartesische Ich ist eine zu verabschiedende Fiktion, denn Selbstbezug gibt es nicht ohne Bezug zum Anderen. Indes ist immer noch nicht zureichend erforscht, wie Kooperation zwischen Menschen wirklich funktioniert. Die Absichten des Anderen sind über Haptik und Mimik zu entschlüsseln, menschliche Handlungsabsichten werden psychisch erfaßt, verarbeitet und ausgewertet. Von da aus stellt sich dann auch die Frage, wie bzw. inwieweit ein Roboter Kooperationspartner des Menschen sein kann. Diese Frage sucht das interdisziplinäre Forschungsprojekt an der Schnittstelle von Elektrotechnik (Meßtechnik) und Psychologie zu klären. Anschaulich wurde dies für die Teilnehmer durch einen Versuchsaufbau, bei dem die Probanden mit dem Arm horizontal einen Hebel bewegen, indem sie einem von ihnen projizierten Lichtsignal folgen. Auf den Hebel greift zusätzlich ein mit künstlicher Intelligenz gesteuerter Motor zu; wird ein von dem Motor ausgehender Kraftimpuls bemerkt, drückt der Proband einen Schalter. Der Versuch sollte beispielhaft zeigen, wie die menschliche Kraftschwelle durch Reaktion auf mechanische Impulse des Roboters gemessen wird.

Die Workshops gaben zum einen Einblicke in Genese, Fortgang und konkrete Probleme interdisziplinärer Forschung (am Beispiel des Projekts BAMP!, eines aus einem FiF-Projekt hervorgegangenen LOEWE-Verbundprojekts). Prof. Ariel Auslender und sein Mitarbeiter Fabian Luttropp verwiesen dabei nicht nur auf technische Probleme – die Auswahl und Herstellung einzelner Elemente, die Schwierigkeit, Papier langlebig, d.h. vor allem wasser- und feuerfest zu fabrizieren. Wo verschiedene Disziplinen aufeinander treffen – in diesem Falle Architektur, Maschinenbau und Chemie –, stellt sich als grundsätzliches Problem die Aufgabe, eine Sprache zu finden, die der jeweils Andere versteht. Insofern bot der Workshop zu diesem Projekt eine in jeder Hinsicht nicht nur unterhaltsame, sondern auch informative Lehrstunde in Sachen Interdisziplinarität. Damit interdisziplinäre Anträge gelingen , bedarf es indes auch eines Wissens um zu beachtende, grundlegende Parameter der Forschungspolitik: Wer ist auf welcher Ebene der passende Adressat für einen Forschungsantrag? Wie ist ein Konsortium sinnvollerweise zusammenzusetzen? Hierzu gab im zweiten Workshop Von der Forschungsidee zum Verbundprojekt Prof. Mühlhäuser wertvolle Hinweise und Ratschläge aus eigener, vieljähriger Erfahrung.

Zum Ende des Tags aber galt es vor allem zu feiern. Denn der zweite „Tag der Interdisziplinarität“ fand genau zehn Jahre nach Gründung des FiF statt, und so gab es Anlaß für einen kleinen Festakt im Wilhelm-Köhler-Saal. Führte der „Tag der Interdisziplinarität“ im Jubiläumsjahr des FiF eindrücklich vor Augen , was sich konkret mit Interdisziplinarität bzw. Interdisziplinaritäten verbindet, so ist doch eine Institution wie das FiF, wie Prof. Petra Gehring in ihrem Festvortrag beinahe mahnend formulierte, auch sorgsam zu pflegen. Denn die kreativen Potentiale einer Universität bedürfen immer wieder auch kluger, kritischer und nicht immer bequemer Denk-Anstöße. Das ist und wird auch weiterhin genuine Aufgabe des FiF an der TU Darmstadt sein.

Messe

Messeplan und Liste der Aussteller

Workshops

Begehungen „Interdisziplinäre Forschung kennenlernen“

Begehung I „Experimentelle Untersuchungen an der im Rahmen des Projektes entwickelten HUMVIB Bridge“

Begehung II „Über Selbst-Fremd-Unterscheidung und Mensch-Roboter-Kooperation“

Festakt „10 Jahre Forum interdisziplinäre Forschung“ an der TU Darmstadt

Programm

Kooperationspartner

Für die freundliche Unterstützung dieser Veranstaltung danken wir dem Präsidium der TU Darmstadt sowie