DenkRaum 1.19

FiF DenkRäume 1.19

Smart, vernetzt und transparent: Das Ende von Privatheit und Öffentlichkeit in der digitalen Welt?

Datum: 5. Juni 2019 | 18:00 Uhr

Raum: Theater im Pädagog | Pädagogstraße 5 | www.paedagogtheater.de

Moderation: Prof. Sophie Loidolt (FB 2) und Prof. Hermann Winner (FB 16)

Die Einladung

Die Digitalisierung macht alles „smarter“: vom „smart home“ über das selbstfahrende Fahrzeug bis zur „digitalen Stadt“. Doch mit jeder Nutzung dieser neuen technologischen Möglichkeiten werden wir sichtbarer. Und damit kontrollierbarer. Mit beinahe jeder Alltagshandlung fallen in unserer digitalen Gesellschaft mehr und mehr personenbezogene Daten an. Das Private ist damit, ob gewollt oder ungewollt, so öffentlich wie nie zuvor. Wir sind smart, vernetzt und transparent. Wer nicht mitmachen kann oder will, kann die einfachsten „Services“ bald nicht mehr „nutzen“ und bleibt früher oder später auf der Strecke. Meist jedoch wird das Private ohnehin ganz freiwillig veröffentlicht oder unbedacht verfügbar gemacht.

Wo das Private erodiert, scheint andererseits aber auch die Öffentlichkeit als „Erscheinungsraum“ (Hannah Arendt) von Individuen bedroht oder gar am Ende. Die Öffentlichkeit wird nicht mehr wie selbstverständlich als „öffentlich“ angesehen. Das frühere Selbstverständnis, dass mit dem Gang nach draußen eine Sichtbarkeit für andere Personen („Sehen und gesehen werden“) gegeben ist, einschließlich der Nachvollziehbarkeit der Bewegung, wandelt sich gerade in städtischer Umgebung zu einem Anspruch, in anonymer Privatheit unterwegs sein zu dürfen. Das Vorhandensein von Datenschutzgesetzen suggeriert, diesen Anspruch zu unterstützen. Fotos oder Videoaufzeichnungen für persönliche oder wissenschaftliche Nutzung lösen trotz Rechtmäßigkeit oftmals Widerstand aus. Selbst bei einer öffentlichen Demonstration wird auf Privatheit gepocht, wenn eine Fernsehkamera eine einzelne Person als Teilnehmer zeigt.

So verschwimmen und verschwinden die Grenzen und Bedeutungsunterschiede zwischen „privat“ und „öffentlich“ zunehmend. Konsum- und Sozialverhalten, ehemalige Anonymität im öffentlichen Raum: beinahe alles wird sichtbar und zum Datensatz, und das oft unbemerkt – durch „tracking“, „monitoring“, „data aggregation“ und „data analysis“. Doch selbst erwünschte Visibilität ist noch nicht Öffentlichkeit in einem qualifizierten Sinn, wo wohlinformierte Urteile gefällt werden können. Das zeigen Echokammern und Filterblasen im Netz, die zunehmend unser politisches und gesellschaftliches Leben beeinflussen. Insofern wird der digitale Strukturwandel als eine Bedrohung sowohl für die private wie auch die öffentliche Sphäre wahrgenommen. Dies drückt sich heute vielfach in Kämpfen um die Verfügungsmacht von Daten aus, sei es, um die öffentliche Sphäre vor Datenkommerzialisierung und Manipulation zu bewahren, sei es, um die Privatsphäre gegen Überwachung und Datenmissbrauch zu schützen.

Was ist die Aufgabe der Wissenschaften in diesem gesellschaftlichen Umbruch des digitalen Zeitalters? Gehen wir auf eine Transparenz- und Kontrollgesellschaft im Namen des technologischen Fortschritts zu? Sind rechtliche Regelungen die richtige Handhabe oder kreieren sie neue Probleme? Gibt es technische Lösungen für die genannten Probleme? Oder sind digitale Technologien unweigerlich in die Dynamik von Sichtbar- und Verfügbarmachung von Daten und damit in die Auflösung der Grenzen von privater und öffentlicher Sphäre verstrickt?

Der Raum

Der zweite der FiF-Denkräume fand im Theaterkeller des Pädagog statt. Das Interesse am informellen Austausch von Forschern der TU Interesse war groß. Um diesen zu erleichtern, wurden die Teilnehmer in drei Kleingruppen aufgeteilt, die jeweils zu einem Teilbereich Ideen, Anregungen und Erkenntnisse zusammentrugen und im Anschluss der gesamten Gruppe präsentierten. So hatten die Teilnehmer die Möglichkeit, Wissenschaftler aus anderen Fachgebieten kennenzulernen und neue Impulse für bestehende Projekte bzw. zukünftige Kooperationen zu erhalten.

Die Diskussion

Die Diskussionsrunde zum Thema Öffentlichkeit thematisierte einerseits grundsätzliche Aspekte der Auswirkungen digitaler Technologien auf Öffentlichkeit(en) und ihr Verhältnis zu Privatheit: Digitale Technologien unterstützen, so scheint es, Privatheit; der Drang (oder bisweilen auch empfundene soziale Druck), Privates publik zu machen, kann aber auch als digitale Parallelöffentlichkeit zu analogen Öffentlichkeiten gesehen werden. Oder haben wir es vielmehr mit einer „augmented reality“ zu tun, d.h. durchdringen sich analoge und digitale Öffentlichkeiten? Welche Rolle spielen überhaupt Algorithmen für die individuelle Wahrnehmung – und damit in der Folge auch für die Öffentlichkeit? Wer ist das „Wir“ in der digitalisierten Welt? Führt die Digitalisierung womöglich in eine homogenisierte Öffentlichkeit?

Die Diskussion drehte sich andererseits vor allem um die Einschätzung der Rolle der sogenannten „sozialen Medien“. Sind sie und diejenigen, die sie als Influencer und Youtuber bedienen, eine neue Art von „Institution“? Wird in den „sozialen Medien“ wirklich gemeinsam diskutiert – oder sind sie nicht vielmehr oft nur ein Medium zur Verbreitung von Hass und „Fake News“? Und kann man angesichts dessen vernünftigerweise die Bildung politischer Urteilskraft von solchen Medien erwarten? Ist das freie Netz nicht überhaupt ein Mythos? Und finden politische Diskussionen nur noch in Teilöffentlichkeiten statt? Mit solchen kritischen Anfragen und Überlegungen überwog in der Runde Skepsis gegenüber den vermeintlichen Segnungen des Digitalen.

Der Begriff Privatheit ist, wie in der Diskussionsrunde zum Thema Privatheit deutlich wurde, mehrdeutig und kann aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. So hängt die tatsächliche und die empfundene Privatheit vom Nutzer digitalisierter Systeme ab. Das Internet kann die privaten Konsumräume erweitern, in dem es durch das „anonyme“ Kaufen von Waren die Hemmschwelle zum Konsum von Produkten, etwa Erotikartikeln, senkt. Gleichzeitig ermöglicht es auch den anonymen Konsum von illegalen Produkten, beispielsweise Waffen aus dem Darknet. Allerdings ist die Nutzung dieser digitalen Dienste nur unter der Voraussetzung möglich, dass der Nutzer seine eigene Privatheit einschränkt, um bestimmte Dienste nutzen zu können. Privatheit verhindert das Verknüpfen von Daten in einem größeren Zusammenhang. Wie diese Zusammenhänge entstehen und was mit den Daten passiert, ist für den Nutzer häufig nicht ersichtlich.

Impressionen

Fotos: Linda Theisinger-Reinartz / FiF