Arbeitsgruppe Kompetenzforschung

Geschichte der Prüfungstechniken

DFG-Netzwerk

Geschichte der Prüfungstechniken 1900-2000

Dr. Andreas Kaminski
Dr. Andreas Gelhard

Die Erfolgsgeschichte der angewandten Psychologie im 20. Jahrhundert ist in großen Teilen eine Geschichte ihrer Prüfungstechniken. Seit der Gründung der ersten Institute und Zeitschriften für angewandte Psychologie um 1900 wurden Intelligenz-, Willens-, Eignungs-, Kompetenz- und Persönlichkeitsprüfungen in beständig wachsender Zahl in Industrieunternehmen, in der Schule, beim Militär, in der Berufsberatung oder in der Psychiatrie eingesetzt.

Dennoch ist die Geschichte der psychologischen Prüfungstechniken bislang wenig erforscht worden. Neben psychologiehistorischen Studien, welche die Professionalisierung und Institutionalisierung der angewandten Psychologie betrachten, stehen wissenschaftstheoretische und –historische Arbeiten, welche vor allem mit der Frage beschäftigt sind, ob die Messungen der Psychologen objektiv und valide sind. Dass Prüfungstechniken – ungeachtet ihrer Korrektheit – auch einen beträchtlichen Einfluss auf soziale Strukturen und die Selbstverhältnisse von Individuen haben können, blieb dabei eher ausgeblendet.

Genau diese Wirksamkeit von psychologischen Prüfungsformaten als Sozial- und Subjektivierungstechniken steht im Fokus des Darmstädter DFG-Netzwerks. Die gemeinsame Arbeit soll dabei vor allem auf drei Ebenen ansetzen: Inklusion und Exklusion (Test), Selbstformung durch Übung (Training), Entwicklung von Selbstverständnis (Persönlichkeit).

Mitglieder_innen des Netzwerkes

Brigitta Bernet (Zürich)
Malte Bachem (Zürich)
Andreas Gelhard (Wien)
Ruben Marc Hackler (Zürich)
Andreas Kaminski (Darmstadt)
Birgit Stammberger (Lüneburg)
Nina Verheyen (Berlin)
Margarete Vöhringer (Berlin)
Wiebke Wiede (Trier)

En détail

Prüfungen regeln in zahlreichen Gesellschaften den Zugang zu Bildungsmöglichkeiten, Arbeitsplätzen und Statuspositionen. Sie stehen daher häufig im Verdacht, soziale Ungleichheit zu produzieren oder zumindest zu zementieren, erscheinen aber auch immer wieder als besonders geeignete Instrumente zur Verwirklichung von Gleichheitsansprüchen und Gerechtigkeitsidealen. Die Psychologie hat nach 1900 eine Leitfunktion in der Entwicklung von gesellschaftlich wirksamen Prüfungstechniken übernommen: Intelligenz-, Willens-, Eignungs-, Kompetenz- und Persönlichkeitsprüfungen werden in der Wirtschaft, in Schulen, im Militär, in der Berufsberatung oder in der Psychiatrie eingesetzt. Die Geschichte dieser psychologischen Prüfungstechniken ist bislang allerdings nur wenig erforscht worden. Die vorliegenden wissenschaftstheoretischen und -historischen Studien fragen vor allem danach, ob die Messungen objektiv und valide sind.

Doch gleichgültig, ob psychologische Prüfungen ihre wissenschaftlichen Ansprüche erfüllen, sind sie wirksam – individuell und gesellschaftlich. Im Fokus des Netzwerks steht daher nicht nur die Erforschung der unterschiedlichen psychologischen Prüfungstechniken, die im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelt wurden, sondern auch die Frage, welche dieser Techniken sich im Alltag durchsetzten, wie erfolgreich sie waren und wie die faktische Verwendung psychologischer Prüfungsformate auf deren wissenschaftliche Entwicklung zurückwirkte.

Eine leitende These ist dabei, dass die Erweiterung des Anwendungsbereiches von der der Auswahl geeigneter Proband auf Probleme der geplanten Verhaltensänderung und gezieltes Training von Kompetenzen zu einer entscheidenden Verschiebung in der Testentwicklung selbst geführt hat: Die Rückwirkung von Prüfungsprozeduren auf das Selbstverhältnis der Probanden, das in der Philosophie unter dem Titel der Subjektivierung untersucht worden ist, bleibt nicht länger ein ungewollter Seiteneffekt des Geschehens, sondern wird bewusst in einzelne Prüfungsformate eingebaut, um die Motivation, die Verhaltensgewohnheiten und das Selbstverständnis der Probanden zu formen und sie zur gezielten Selbstformung zu befähigen. Für das Netzwerk ergeben sich daraus drei Arbeitsschwerpunkte, die eng miteinander verflochten sind, sich aber pragmatisch zur Strukturierung einzelner Arbeitsphasen nutzen lassen:

a) Selektion (Test). – Eine der elementaren Funktionen klassischer Prüfungsformate wie Examen oder Eignungsprüfung ist die Selektion von Individuen nach Kriterien wie Intelligenz, Begabung, schulische Leistung, berufliche Eignung etc. Auf Seiten der prüfenden Institutionen kann diese Prozedur stärker unter Gesichtspunkten der Effektivität oder der Gerechtigkeit vollzogen werden; sie steht offen für politische und ökonomische Auseinandersetzungen um bessere (effektivere, gerechtere) Verfahren. Diese Auseinandersetzungen können für den Einzelnen von existentieller Bedeutung sein, weil Prüfungen Praxisfelder eröffnen oder verschließen: Sie schaffen oder beseitigen Möglichkeiten der Lebensführung und greifen so tief in die Selbstverhältnisse von Subjekten ein.

b) Selbstformung durch Übung (Training). – Wo diese Selbstverhältnisse bewusst zum Gegenstand einer Arbeit an sich werden, können Prüfungstechniken als Mittel der Selbststeuerung und Selbststeigerung genutzt werden. Schon die antike Asketik nutzte einfache Prüfungstechniken, um den Erfolg der Arbeit an sich regelmäßig überprüfen zu können; im 20. Jahrhundert entstanden eine Reihe sehr ausgefeilter Techniken unter Schlagworten wie Selbststeuerung, Selbstregulierung und Feedback.

c) Selbstverständnis (Persönlichkeit). – Prüfungen entwerfen, explizit oder implizit, eine Weise, wie Subjekte sein können: zum Beispiel „intelligent“, „willensschwach“, „extrovertiert“, „motorisch geschickt“, „sozial kompetent“ etc. Schon die ersten Psychotechniker_innen interpretierten diese Attribute als „psychische Eigenschaften“ und öffneten die Frage, was ein Individuum kann, auf die Frage, welcher Typ von Persönlichkeit es ist. In diesem Punkt wird die subjektivierende Wirkung von Prüfungstechniken besonders deutlich: das Ergebnis sagt nicht mehr nur, was ich kann, sondern wer ich bin.

Das Netzwerk erforscht den Wandel der Prüfungstechniken im Zeitraum von 1900 bis 2000 mit Blick auf diese drei Themenschwerpunkte. Wichtige methodische Stützpunkte bieten dabei die Geschichte des Wissens, die Wissenschaftheorie, diskursanalytische Ansätze und philosophische Theorien der Subjektivierung.