Epistemische Tugenden

Epistemische Tugenden

Erscheint 2017
Erscheint 2017

Leitfragen dieses Projekts, das das FiF in den zurückliegenden Jahren in Kooperation mit dem Zentrum „Geschichte des Wissens“ der ETH Zürich und der Universität Zürich verfolgt hat, lauten: Welche epistemischen Tugenden sind konstitutiv für eine bestimmte Wissenskultur? Wie werden sie von den Akteur_innen reflektiert? Inwiefern unterscheiden sie sich von moralischen Tugenden?

Besonderes Augenmerk gilt in diesem Kontext dem Konzept der epistemischen Tugenden. Epistemische Tugenden meinen die Eigenschaften, die für die Produktion, die Vermittlung oder den Erwerb von Wissen als vorbildlich oder gar als verbindlich erachtet werden. Was von Subjekten gesagt werden kann, gilt auch fürs Wissen und seine Gegenstände: Wissen ist nicht einfach „da“, was als Gegenstand des Wissens hervorgebracht und zugänglich wird, ist vielmehr mit bestimmten Vollzügen, „Techniken“ des Wissenserwerbs und der Wissensvermittlung verbunden – mit erkenntnisfördernden, epistemischen Tugenden. Zu diesen zählen etwa Geduld, Aufmerksamkeit, Genauigkeit, Intuition, Skepsis, Wahrhaftigkeit, Neugierde, Strenge und Zuverlässigkeit. Diese epistemischen Tugenden fungieren indes in durchaus unterschiedlicher Weise: Sie sollen die kontinuierliche Arbeit an schwer zugänglichen Erkenntnisgegenständen gewährleisten, sie verbinden oder trennen aber auch wissenschaftliche Fachkulturen und prägen die alltägliche Forschungs- und Kommunikationspraxis, ohne dass dies den Akteur_innenn unbedingt bewusst sein muss.

Der von Andreas Gelhard, Ruben Marc Hackler und Sandro Zanetti herausgegebene Sammelband Epistemische Tugenden. Geschichte und Gegenwart eines Konzepts (Mohr Siebeck, Tübingen 2015) enthält insgesamt achtzehn Beiträge zu begrifflichen Fragen, disziplinären Verortungen und Perspektiven der Wissenschaftsforschung.

Internationaler Workshop in Kooperation mit dem Zentrum Geschichte des Wissens der ETH Zürich und der Universität Zürich

Der Workshop diskutiert epistemische Tugenden nicht als moralisches Problem, sondern als Bedingungen des Gelingens. Epistemische Tugenden sind Eigenschaften, über die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verfügen müssen, um Wissen erfolgreich produzieren und darstellen zu können. Mögliche Beispiele sind Geduld, Aufmerksamkeit, Genauigkeit, Skepsis, Wahrhaftigkeit, Neugierde, Strenge und Zuverlässigkeit.

Diese Aufzählung darf aber nicht zu der Annahme verleiten, man könne allgemeine wissenschaftliche Tugenden definieren; es ist davon auszugehen, dass die konkrete Funktion epistemischer Tugenden sich von Disziplin zu Disziplin und je nach historischem oder auch lokalem Kontext erheblich unterscheiden. Die Arbeit mit schwer entzifferbaren Archivquellen erfordert eine anders strukturierte Aufmerksamkeit als die Auswertung statistischer Datensätze in den Sozialwissenschaften; die Genauigkeit im Umgang mit Messwerten aus dem Teilchenbeschleuniger unterscheidet sich erheblich von der beim Edieren literarischer Texte. Der Workshop wird ein möglichst breites Spektrum von Beispielen diskutieren, um die konzeptionellen Überlegungen mit der nötigen Tiefenschärfe zu versehen.

Referenten und Referentinnen des Workshops

Prof. Dr. Elke Bippus (Zürich)

Dr. Martin Doll (Luxemburg)

Dr. Andreas Gelhard (Darmstadt)

Dr. des. Ruben Hackler (Zürich)

Dr. Jens Kertscher (Darmstadt)

Dr. des. Julian Bauer (Konstanz)

Prof. Dr. Hilge Landweer (Berlin)

Dr. Marcel Lepper (Marbach)

Prof. Dr. Martin Mulsow (Erfurt)

Prof. Dr. Tanja Paulitz (Aachen)

PD Dr. Martin Saar (Berlin)

Prof. Dr. Katja Sabisch (Bochum)

Prof. Dr. Sandro Zanetti (Zürich)

Programmpapier

Epistemische Tugenden – zur Geschichte und Gegenwart eines Konzepts (hsozkult.de, 06.02.2014)